Baumbotschafter

Der Baum als Botschafter des Seins und Ursprungs

Mitnichten ist der Baum zuerst Same, dann Spross,
dann biegsamer Stamm, dann dürres Holz.
Man darf ihn nicht zerlegen, wenn man ihn kennenlernen will.
Der Baum ist jene Macht, die sich langsam
mit dem Himmel vermählt.
Antoine de Saint-Exupéry

Der Baum galt in den verschiedensten Zeitaltern als Sinnbild der schöpferischen und alles umfassenden Natur, als Symbol des Seins und der Neugeburt, das archetypisch in der Menschheit verankert ist. Archetypisch im Sinne einer Konzentration des Seins in einem „Bild“, wobei jedes wirkliche Bild sich auf das Sein besinnt. Laut Siewerth ist dieses „Wesensbild“, das „im Urlicht des Seins“ aufleuchtet, als „wirklichende sich erwirkende Einheit, die gründend, bilden und herstellend zu sich selbst kommt und unauflösbar bei sich verharrt“ zu verstehen. Die bildhafte Ausprägung und Deutung des Archetyps wird nicht von aussen erworben, sondern vom Innern hergeleitet. Das Wesensbild entspringt eher der Intuition als der Logik, da es mehr durch die biologische Sensibilität als durch den Verstand geprägt ist.

Der Baum als ein Archetyp des Lebens spielt eine wichtige Rolle in unterschiedlichsten Mythen, wobei er meist Gottheit, Medium oder Botschaft verkörpert. Er steht aber auch oft für das Absolute, weil sein Leben, verglichen mit der menschlichen Lebenserwartung, schier unerschöpflich erscheint. Bäume von wenigstens hundert oder Baumveteranen von einigen hundert Jahren bleiben ungebrochen, während unzählige Generationen von Menschen vergehen. Damit steht er schliesslich gegen die Sterblichkeit, die der Mensch vielfach am wenigsten akzeptieren kann. Gleichzeitig führt er durch seine Entwicklung Jahr für Jahr immer wieder den ganzen Seinszyklus vor Augen.

Quellen:
Brosse, Jacques (2001): Mythologie der Bäume. Mythologie des arbres, 1989. Düsseldorf und Zürich, Patmos Verlag GmbH & Co. KG.
Eggmann, Verena und Steiner, Bernd (1995): Baumzeit. Magier, Mythen und Mirakel. Neue Einsichten in Europas Baum- und Waldgeschichte. Zürich, Werd Verlag.
Lurker, Manfred (1958): Symbol, Mythos und Legende in der Kunst. Die symbolische Aussage in Malerei, Plastik und Architektur. Studien zur deutschen Kunstgeschichte; Band 314. Baden-Baden, Heitz Verlag.
Siewerth, Gustav (1952): Wort und Bild. Eine ontologische Interpretation. Düsseldorf, Schwann Verlag.

Beitragsbild: © Isabelle Blum